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Richard David Precht in Gevelsberg

spruch-konfuziusAm 15. Januar 2015 sprach Richard David Precht, Autor von „Anna, die Schule und der liebe Gott“ in der Aula des Schulzentrums West in Gevelsberg über den „Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“, wie auch der Untertitel zu seinem Buch lautet. Bei der Veranstaltung handelte es sich um ein Kooperationsprojekt von VHS und MENTOR – Die Leselernhelfer. Precht ist Schirmherr des Bundesverbandes MENTOR.

Der technische Fortschritt ist unaufhaltsam und die Welt verändert sich dadurch

Precht beginnt seinen Vortrag mit der These, dass der technische Fortschritt nicht aufzuhalten sei. Dazu führte er die Datenbrille von Google (Google Glasses) als Beispiel an. Zwar war die Markteinführung der Datenbrille nicht so erfolgreich, wie von Google erwartet, doch sie sei auch nur ein Zwischenschritt auf dem Weg hin zur Datenlinse, die in das Auge implantiert und durch die sein Träger ständig mit der digitalen Welt verbunden sein wird – völlig unbemerkt vom Gegenüber.

Kinder lernen, um zu vergessen

Das Wissen der Welt in Form von Daten und Fakten, kann heute jeder googlen oder bei Wikipedia nachlesen. Damit stellt sich die Frage: Macht es überhaupt noch Sinn, Fakten auswendig zu lernen? Tatsächlich vergisst der Mensch auch viele Dinge. Ja, von Molmassen, Pronomen oder der „Goldenen Bulle“ haben alle schon einmal gehört – aber erklären konnten es nur wenige bis keiner aus dem Auditorium. Und so ergeht es auch den Schülern: Sie lernen, um zu vergessen – in der Fachsprache wird diese Art des Lernens gerne mit dem Begriff des „Bulimie“-Lernens umschrieben.

Ebenso wie die 17-jährige Naina aus Köln, die mit Ihrem Tweet „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, benennt auch Precht Bereiche, die in der Schule nur marginal bis gar nicht vorkommen. Hierzu zählen juristische Themen, der Umgang mit Geld ebenso wie Gesundheit, Körper und Ernährung.

„Ich glaube, dass das, was unsere Kinder in der Schule lernen, und das, was sie im Leben brauchen, stärker als jemals zuvor auseinanderfallen.“ *

Wir brauchen keine weitere Schulreform, sondern ein komplett neues Schulsystem

Precht fordert einen radikalen Umbruch: weg mit den Noten, weg mit dem Unterricht im 45-Minuten-Takt, weg mit dem Abitur als Studienvoraussetzung – dafür Interviews, Assessment-Center und Auswahlverfahren (z.B. für Lehrer) nach dem Vorbild von Castingshows.

In den Schulen sollten neben einem Pflichtprogramm für alle Schüler vor allem ein Kürprogramm auf dem Lehrplan stehen. Die Kür sollte laut Precht in Projekten, die von den Schülern frei wählbar sind, umgesetzt werden. Denn in Interessengemeinschaften lernt und lehrt es sich nachgewiesenermaßen einfacher und effizienter. Dort wo Interesse vorhanden ist, kann auch nachhaltig etwas im Gehirn verankert werden. Diese Projektarbeit soll das traditionelle Fächerlernen ersetzen. Die Themen für die Projekte sollten fächerübergreifend sein und durch Vertreter aus der Berufswelt angeleitet werden.

„Zudem gibt es unglaublich viele Menschen in unserer Gesellschaft, die bereit wären, ihre Zeit und Expertise für die Schulen einzusetzen, nicht wenige sogar, ohne dass sie dafür Geld bekommen.“*

In der sich anschließenden Diskussion wird deutlich, dass viele der Zuhörer Precht zustimmen. Die Ideen sind gut, doch ihre Umsetzung ist schwierig. So werden immer wieder Vorstöße von Politik und Verwaltungsvorschriften ausgebremst und mundtot gemacht. Die Zeit scheint noch immer nicht reif, um endlich von dem nicht mehr zeitgemäßen dreigliedrigen Schulsystem abzurücken und etwas ganz Neues auszuprobieren. Das scheitert – meiner Ansicht nach - nicht nur an der Politik, sondern vor allem an den Eltern.

*Quelle: Zeit online, Interview mit Richard David Precht, 22.04.2013, „Warum Richard David Precht glaubt, dass die deutschen Schulen zu den schlechtesten der Welt gehören, und wie er sie verändern will“)

Update (25.01.2015): Die Internet-Plattform Bildung Gemeinsam Gestalten vernetzt Schulen und Menschen / Einrichtungen, die ihr Wissen und ihre Kompetenzen gerne an Schüler weitergeben möchten. Die Kontaktbörse startete 2012 in der Oberpfalz; eine Ausdehnung auf weitere Regionen ist jedoch erwünscht und problemlos möglich.

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