
Wer viel am Bildschirm liest, kennt das Problem: Die Aufmerksamkeit schweift ab, Zeilen werden mehrfach gelesen und am Ende bleibt weniger hängen als erhofft. Genau hier setzt die Methode „Bionic Reading“ an. Sie verspricht schnelleres Lesen, bessere Konzentration und ein angenehmeres Leseerlebnis.
Was ist Bionic Reading?
Bionic Reading wurde vom Schweizer Typografen Renato Casutt entwickelt. Die Methode verändert Texte, indem die ersten Buchstaben eines Wortes fett hervorgehoben werden. Dadurch entstehen sogenannte „Fixationspunkte“, an denen sich die Augen orientieren sollen.
Ein Beispiel:
Bionic Reading soll das Lesen erleichtern.
Die Idee dahinter: Das Gehirn erkennt Wörter oft schon anhand weniger Buchstaben. Durch die Hervorhebung der Wortanfänge soll der Blick schneller über den Text geführt werden und weniger Energie für die Worterkennung benötigt werden.
Liest man damit wirklich schneller?
Die Werbeversprechen von Bionic Reading legen nahe, dass die Methode die Lesegeschwindigkeit erhöht. Die bislang verfügbaren Untersuchungen kommen jedoch zu einem anderen Ergebnis. Mehrere Studien konnten keinen statistisch bedeutsamen Vorteil hinsichtlich Lesegeschwindigkeit oder Textverständnis nachweisen. Teilweise wurde sogar beobachtet, dass die Lesegeschwindigkeit leicht abnahm, weil sich Leserinnen und Leser zunächst an die ungewöhnliche Darstellung gewöhnen mussten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Methode nutzlos ist.
Denn Lesen besteht nicht nur aus Geschwindigkeit. Gerade bei längeren digitalen Texten spielt die Fähigkeit, konzentriert zu bleiben, eine entscheidende Rolle.
Warum viele Menschen trotzdem von positiven Effekten berichten
Interessanterweise berichten viele Nutzerinnen und Nutzer, insbesondere Menschen mit Aufmerksamkeitsproblemen, von einem subjektiv angenehmeren Leseerlebnis. Sie beschreiben, dass sie weniger häufig in der Zeile verrutschen, seltener zurückspringen müssen und länger fokussiert bleiben können.
Dieser Unterschied zwischen wissenschaftlicher Messung und subjektiver Erfahrung ist nicht ungewöhnlich. Ein Werkzeug muss nicht zwingend die Lesegeschwindigkeit erhöhen, um hilfreich zu sein. Wenn jemand einen Text überhaupt erst konzentriert zu Ende lesen kann, ist das im Alltag oft wichtiger als einige zusätzliche Wörter pro Minute.
Potenziale für Menschen mit ADHS
Menschen mit ADHS haben häufig Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit auf einen Text zu richten. Digitale Texte mit Werbung, Menüs, Pop-ups und anderen Ablenkungen können diese Herausforderung zusätzlich verstärken.
Bionic Reading könnte hier als visuelle Strukturierungshilfe wirken. Die hervorgehobenen Wortanfänge bieten Orientierungspunkte, die den Blick über den Text führen. Wissenschaftlich gesichert ist ein besonderer Nutzen für Menschen mit ADHS bisher allerdings nicht. Die vorhandenen Studien liefern bislang keine eindeutigen Belege für bessere Lesegeschwindigkeit oder höheres Textverständnis speziell bei dieser Zielgruppe.
Dennoch berichten viele Betroffene, dass sie mit der Darstellung konzentrierter lesen können und weniger schnell ermüden. Ob dies funktioniert, scheint stark von individuellen Vorlieben und Lesegewohnheiten abzuhängen.
Potenziale für Menschen mit LRS
Auch bei Lese-Rechtschreib-Schwäche wird Bionic Reading häufig diskutiert. Die Hervorhebung der Wortanfänge kann das visuelle Erfassen von Wörtern erleichtern und die Orientierung im Text verbessern.
Wichtig ist jedoch: LRS ist keine reine Wahrnehmungsstörung. Die Ursachen liegen häufig in der phonologischen Verarbeitung von Sprache. Bionic Reading beseitigt diese grundlegenden Schwierigkeiten nicht. Es ersetzt weder Leseförderung noch evidenzbasierte Unterstützungsmaßnahmen.
Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass bestimmte Lesergruppen von der Darstellung profitieren könnten. Gleichzeitig fehlen bislang belastbare wissenschaftliche Nachweise, dass Bionic Reading die Leseleistung von Menschen mit LRS grundsätzlich verbessert.
Mein Fazit
Bionic Reading ist kein Wundermittel und kein wissenschaftlich belegter Turbo für schnelleres Lesen. Die bisherigen Studien zeigen keine klaren Vorteile bei Lesegeschwindigkeit oder Textverständnis. Trotzdem kann die Methode für einzelne Personen hilfreich sein. Besonders Menschen mit ADHS, LRS oder anderen Formen der Neurodivergenz berichten häufig von besserer Fokussierung und einem angenehmeren Lesegefühl. Der größte Nutzen scheint weniger im „Schnellerlesen“ zu liegen als vielmehr darin, die Aufmerksamkeit beim Lesen digitaler Texte zu unterstützen.
Deshalb lohnt sich ein pragmatischer Ansatz: ausprobieren und selbst testen. Wenn das Lesen dadurch leichter fällt und die Konzentration länger erhalten bleibt, hat die Methode ihren Zweck erfüllt – auch ohne wissenschaftlich nachgewiesenen Geschwindigkeitsgewinn.
Browser-Erweiterungen für Bionic Reading
Wer Bionic Reading direkt im Browser ausprobieren möchte, kann verschiedene Erweiterungen nutzen. Die meisten funktionieren auf Webseiten, Blogartikeln und Online-Dokumenten.
| Erweiterung | Browser | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Bionic Reading® Chrome Extension | Chrome, Edge | Offizielle Erweiterung von Bionic Reading® mit einstellbarer Hervorhebungsstärke. |
| Bionic Reader (Firefox) | Firefox | Umfangreiche Anpassungen für Hervorhebung, Schriftart, Schriftgröße und Dark Mode. |
| Bionify | Chrome, Edge, Firefox | Alternative Open-Source-Lösung zur Darstellung von Webseiten im Bionic-Reading-Stil. |
Quellen
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DOI: https://doi.org/10.1007/s00787-022-02130-3